Die Ernährung bei Diabetes hat eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Lange bevor es Insulin, Blutzuckermessgeräte oder moderne Diabetesmedikamente gab, war Ernährung praktisch die einzige Möglichkeit, den Verlauf der Erkrankung zu beeinflussen.
Damals war bereits bekannt, dass Zucker und stärkehaltige Lebensmittel die Beschwerden verschlimmern konnten. Später rückte dieses einfache Prinzip zunehmend in den Hintergrund. Statt die Kohlenhydratmenge deutlich zu reduzieren, wurde Fett zum zentralen Problem erklärt – auch bei einer Erkrankung des Kohlenhydratstoffwechsels.
Heute bewegt sich die Diabetologie wieder in eine andere Richtung. Kohlenhydratreduzierte Ernährungsformen werden zunehmend anerkannt, und auch in meinen Kursen erlebe ich, dass Menschen auf Empfehlung von Ärztinnen, Ärzten und diabetologischen Fachkräften zu LCHF finden.
Schon im 18. Jahrhundert behandelten Ärzte Menschen mit Diabetes über die Ernährung. Besonders bekannt wurde der schottische Militärarzt John Rollo. Er beschrieb Ende des 18. Jahrhunderts eine Behandlung, bei der Brot, Getreide und andere stärkehaltige Lebensmittel stark eingeschränkt wurden. Stattdessen bestand die Ernährung überwiegend aus tierischen Lebensmitteln und Fett.
Bei seinen Patienten ging die Zuckerausscheidung im Urin zurück. Damit gehörte Rollo zu den ersten Ärzten, die Diabetes systematisch mit einer sehr kohlenhydratarmen Ernährung behandelten.
Die damalige Medizin konnte allerdings noch nicht zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes unterscheiden. Das ist entscheidend: Was bei einem Menschen mit noch vorhandener eigener Insulinproduktion hilfreich sein konnte, war bei einem absoluten Insulinmangel keine dauerhafte Rettung.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden verschiedene Diabetestherapien. Manche reduzierten vor allem Kohlenhydrate, andere die gesamte Nahrungsmenge. Besonders bei schwer erkrankten Kindern wurden schließlich extrem kalorienarme Hungerkuren eingesetzt. Sie konnten das Leben teilweise etwas verlängern, führten aber zu massiver Unterernährung und konnten den Insulinmangel nicht beheben.
Mit der Entdeckung und therapeutischen Anwendung von Insulin in den frühen 1920er-Jahren änderte sich die Diabetesbehandlung grundlegend.
Für Menschen mit Typ-1-Diabetes war Insulin lebensrettend. Zum ersten Mal konnte der absolute Insulinmangel wirksam behandelt werden. Die Betroffenen mussten nicht länger langsam verhungern, um ihren Blutzucker wenigstens zeitweise zu senken. Die Entdeckung des Insulins gehört deshalb zu den größten medizinischen Fortschritten des 20. Jahrhunderts.
Insulin machte es außerdem möglich, wieder mehr Kohlenhydrate zu essen. Der Blutzuckeranstieg konnte nun mit zugeführtem Insulin ausgeglichen werden.
Für Typ-1-Diabetes war und ist das unverzichtbar.
Bei Typ-2-Diabetes liegt die Situation jedoch anders. Hier besteht zumindest zu Beginn meist kein absoluter Insulinmangel. Der Körper produziert häufig sogar große Mengen Insulin, während die Zellen zunehmend schlechter darauf reagieren. Diese Insulinresistenz kann über Jahre bestehen, bevor die Insulinproduktion später nachlässt.
Trotzdem wurde auch bei Typ-2-Diabetes immer stärker versucht, erhöhte Blutzuckerwerte vor allem mit Medikamenten und später gegebenenfalls mit Insulin zu kontrollieren. Die Frage, wie stark die aufgenommene Kohlenhydratmenge das Problem täglich erneut antreibt, rückte dabei häufig in den Hintergrund.
Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich zunehmend die Vorstellung durch, Fett sei der entscheidende Auslöser für Übergewicht, erhöhte Cholesterinwerte und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Fett enthält neun Kilokalorien pro Gramm, Kohlenhydrate und Eiweiß jeweils nur vier. Daraus entstand die scheinbar einfache Rechnung:
Wer weniger Fett isst, nimmt weniger Energie auf und wird leichter abnehmen.
Gleichzeitig wurden gesättigte Fettsäuren mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht. Fettarme Produkte eroberten den Markt, tierische Fette wurden zunehmend gemieden und Kohlenhydrate galten als vergleichsweise unproblematische Energiequelle. Das basierte auf einer Manipulation einer Studie – hier kannst du mehr darüber lesen: Fett – Feind oder doch Freund
Diese Entwicklung prägte auch die Diabetesschulung. Menschen mit Diabetes wurde häufig empfohlen:
Ist das nicht ein merkwürdiger Widerspruch?
Bei einer Erkrankung, die unmittelbar mit gestörter Glukoseverarbeitung zusammenhängt, wurde ausgerechnet der Nährstoff verteidigt, der den Blutzucker am deutlichsten erhöht.
Fett hingegen wurde bekämpft, obwohl es den Blutzucker nicht in vergleichbarer Weise ansteigen lässt.
Kohlenhydrate aus Zucker, Brot, Getreide, Reis, Nudeln, Kartoffeln und vielen verarbeiteten Lebensmitteln werden während der Verdauung überwiegend zu Glukose abgebaut.
Diese Glukose gelangt ins Blut. Damit sie aus dem Blut in die Körperzellen aufgenommen werden kann, wird Insulin benötigt.
Bei Typ-2-Diabetes reagieren die Zellen zunehmend schlechter auf Insulin. Der Körper versucht zunächst, das durch eine höhere Insulinausschüttung auszugleichen. Über längere Zeit können deshalb sowohl Blutzucker als auch Insulin erhöht sein.
Vor diesem Hintergrund ist die zentrale Frage ausgesprochen einfach: Warum sollte man bei einer Störung des Kohlenhydratstoffwechsels nicht zuerst die Menge der Kohlenhydrate reduzieren?
Zucker und Stärke werden stark eingeschränkt. Dadurch gelangt nach den Mahlzeiten weniger Glukose ins Blut und der Körper benötigt weniger Insulin, um damit umzugehen.
Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes kann das unter anderem dazu führen, dass:
Diese Veränderungen sind nicht bloß eine theoretische Idee. Sie werden sowohl in Studien als auch in der klinischen Praxis und in zahlreichen persönlichen Verläufen beobachtet.
Wer Kohlenhydrate deutlich reduziert, muss die fehlende Energie ersetzen. Genau deshalb heißt LCHF nicht nur Low Carb, sondern auch High Fat.
Natürliches Fett übernimmt einen größeren Teil der Energieversorgung. Dazu gehören beispielsweise:
Fett erhöht den Blutzucker nicht auf dieselbe unmittelbare Weise wie Zucker und Stärke. Es sorgt für Sättigung, liefert essenzielle Fettsäuren, ist Bestandteil von Zellmembranen und ermöglicht die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K.
Das bedeutet nicht, dass jede beliebige Fettmenge automatisch sinnvoll ist. Es bedeutet aber sehr wohl, dass natürliches Fett nicht allein deshalb problematisch ist, weil es Fett ist.
Die jahrzehntelange pauschale Angst vor Fett hat den Blick auf denjenigen Nährstoff verstellt, der bei Diabetes unmittelbar den Blutzucker antreibt: die Kohlenhydrate.
Über viele Jahre wurde kohlenhydratarme Ernährung in Teilen der Diabetologie als einseitig, gefährlich oder nicht dauerhaft durchführbar dargestellt.
Inzwischen lässt sich diese pauschale Ablehnung nicht mehr aufrechterhalten.
Die American Diabetes Association stellte bereits in ihrem Konsensusbericht von 2019 fest, dass die Verringerung der gesamten Kohlenhydrataufnahme die am besten belegte Ernährungsmethode zur Verbesserung der Blutzuckerkontrolle sein kann. Low-Carb- und Very-Low-Carb-Ernährungsformen wurden ausdrücklich als mögliche Ernährungsmuster aufgenommen.
Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft unterscheidet inzwischen zwischen moderater Kohlenhydratreduktion, Low Carb und sehr kohlenhydratarmer beziehungsweise ketogener Ernährung. Damit ist die Kohlenhydratreduktion offiziell in der Ernährungstherapie bei Typ-2-Diabetes angekommen.
Das ist eine deutliche Entwicklung.
Natürlich sind nicht alle Praxen und Diabetesschulungen gleich weit. Noch immer berichten Menschen, dass ihnen große Mengen Brot, Kartoffeln, Reis oder Obst empfohlen werden, während Butter, Sahne und natürlich fettreiche Lebensmittel kritisch betrachtet werden.
Gleichzeitig erlebe ich heute eine deutlich größere Offenheit. Menschen kommen in meine Back-to-Basics-Kurse, weil Ärztinnen oder Ärzte ihnen eine kohlenhydratreduzierte Ernährung empfohlen haben. Teilweise werden sie ausdrücklich zu mir geschickt, damit sie lernen, LCHF praktisch und dauerhaft im Alltag umzusetzen, es haben auch schon welche selbst teilgenommen. Das ist für mich eine wichtige Entwicklung.
Eine gute medizinische Betreuung und eine praktische LCHF-Begleitung stehen nicht im Widerspruch. Gerade bei Typ-2-Diabetes kann diese Zusammenarbeit ausgesprochen sinnvoll sein.
LCHF bedeutet nicht, Medikamente grundsätzlich abzulehnen.
Bei Typ-1-Diabetes ist Insulin lebensnotwendig. Auch bei Typ-2-Diabetes können Medikamente notwendig sein – besonders bei sehr hohen Blutzuckerwerten, fortgeschrittener Erkrankung oder zusätzlichen gesundheitlichen Problemen.
Problematisch wird es nicht dadurch, dass Medikamente eingesetzt werden. Problematisch wird es, wenn Ernährung auf Dauer kaum hinterfragt wird und Medikamente lediglich die Folgen einer weiterhin sehr kohlenhydratreichen Ernährung auffangen sollen.
Eine erfolgreiche Ernährungsumstellung kann den Medikamentenbedarf teilweise schnell verändern. Deshalb dürfen Insulin und blutzuckersenkende Medikamente niemals eigenständig reduziert oder abgesetzt werden.
Wer LCHF beginnt, sollte seinen Blutzucker gerade am Anfang engmaschig kontrollieren und die Medikation gemeinsam mit dem behandelnden Team anpassen lassen.
In jedem von uns steckt das starke Potenzial, die eigene Gesundheit und körperliche Situation besser zu machen – und seien die Schritte noch so klein und langsam.
Für manches brauchst du medizinische Hilfestellung, das ist wichtig, aber einiges liegt dann doch auch in deiner Hand. Die Ernährung ist dabei ein nicht unerheblicher Faktor.
Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel - und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.
Hippokrates
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