Kaum ein Thema in der Ernährung wurde so stark vereinfacht wie Cholesterin.
Fett macht die Arterien dicht. Eier erhöhen das Cholesterin. LDL ist das „böse“, HDL das „gute“ Cholesterin.
So einfach ist es nicht.
Aber auch die Gegenposition, die in der Low-Carb-Welt lange verbreitet war, greift zu kurz: Cholesterin sei grundsätzlich harmlos und hohe LDL-Werte müssten uns nicht interessieren.
Auch das stimmt so nicht.
Cholesterin ist lebenswichtig. Gleichzeitig wissen wir heute ziemlich gut, dass bestimmte cholesterinhaltige Transportpartikel an der Entstehung von Atherosklerose beteiligt sind.
Zeit also, etwas Ordnung in die Sache zu bringen.
Cholesterin ist kein Giftstoff.
Wir brauchen es für unsere Zellmembranen, für Steroidhormone, Gallensäuren und Vitamin D. Unser Körper stellt Cholesterin deshalb sogar selbst her.
Das Problem ist also nicht, dass wir Cholesterin im Körper haben. Entscheidend ist unter anderem, wie es durch unser Blut transportiert wird.
Cholesterin und Fett sind nicht wasserlöslich und können deshalb nicht einfach frei durch unser Blut schwimmen. Der Körper verpackt sie in Transportpartikel, sogenannte Lipoproteine. Eines davon ist LDL. LDL erfüllt also zunächst eine völlig normale Aufgabe.
Problematisch kann es werden, wenn bestimmte Lipoproteinpartikel in die Arterienwand gelangen und dort zurückgehalten werden. Sie können sich dort verändern, das Immunsystem reagiert und über viele Jahre kann daraus eine atherosklerotische Plaque entstehen – eine Veränderung und Ablagerung in der Arterienwand.
Solche Partikel bezeichnet man als atherogen. Das bedeutet ganz einfach: Sie können an der Entstehung von Atherosklerose beteiligt sein. Zu diesen atherogenen Partikeln gehören LDL und weitere Lipoproteine, die das Eiweiß ApoB tragen.
LDL ist also nicht „böse“. Aber eine dauerhaft hohe Zahl ApoB-haltiger Partikel ist auch nicht bedeutungslos.
Dabei zählt nicht nur ein einzelner Messwert, sondern auch die Zeit. Eine jahrzehntelange hohe Belastung ist etwas anderes als ein vorübergehend erhöhter Wert.
Das lässt sich recht einfach erklären.
Stell dir die LDL-Partikel wie Lieferwagen vor.
Zwei Menschen können also ähnliche LDL-C-Werte haben, obwohl bei einem mehr solcher Partikel durch das Blut zirkulieren.
Deshalb kann ApoB zusätzliche Informationen liefern, wenn man ein Lipidprofil genauer beurteilen möchte.
Entzündung spielt bei Atherosklerose eine wichtige Rolle. Aber die Behauptung, LDL sei völlig harmlos und ausschließlich Entzündung verursache Atherosklerose, ist zu einfach.
ApoB-haltige Partikel können selbst Entzündungsprozesse in der Gefäßwand anstoßen. Gleichzeitig können beispielsweise Rauchen, Bluthochdruck und Diabetes die Gefäße zusätzlich belasten.
Lipoproteine und Entzündung sind also keine konkurrierenden Erklärungen. Sie gehören zusammen.
Für LCHF ist dieser Punkt besonders interessant. Bei Insulinresistenz geht es nicht nur um den Blutzucker. Häufig verändert sich auch der Fettstoffwechsel.
Typisch sind unter anderem erhöhte Triglyceride und ein niedriges HDL. Auch Zahl und Zusammensetzung der Lipoproteinpartikel können sich verändern. Dieses ungünstige Muster wird als atherogene Dyslipidämie bezeichnet und tritt häufig bei metabolischem Syndrom und Typ-2-Diabetes auf.
Deshalb sind sinkende Triglyceride und ein steigendes HDL durchaus gute Nachrichten, gerade wenn sich diese Werte durch Gewichtsverlust und eine kohlenhydratreduzierte Ernährung verbessert haben.
Daraus kann man aber nicht den Rückschluss ziehen: „Triglyceride gut, HDL gut, also sind LDL oder ApoB automatisch egal“. Das eine hebt das andere nicht auf.
Hier wird es besonders interessant.
Bei kohlenhydratarmen und ketogenen Ernährungsformen sinken häufig die Triglyceride und HDL steigt. Gerade bei Menschen mit Insulinresistenz oder Typ-2-Diabetes können sich gleichzeitig weitere Stoffwechselwerte deutlich verbessern.
LDL reagiert dagegen sehr unterschiedlich. Bei manchen Menschen sinkt es. Bei anderen verändert es sich kaum. Und bei manchen steigt es deutlich, gelegentlich sogar sehr stark.
Warum Menschen unter Keto so unterschiedlich reagieren, ist noch nicht vollständig geklärt. Und speziell für Menschen, deren LDL unter langfristiger ketogener Ernährung sehr stark ansteigt, fehlen bislang belastbare Langzeitdaten über Jahrzehnte.
Deshalb halte ich beide Extrempositionen für falsch:
„Hoher LDL unter Keto ist völlig harmlos.“
genauso wie
„Ein hoher LDL-Wert beweist, dass LCHF ungesund ist.“
Für beides gibt es keine ausreichende Grundlage.
Nein, nicht automatisch. Zuerst würde ich genauer hinschauen:
Wie waren die Werte vorher? Wie stark ist LDL gestiegen? Wie sehen Triglyceride und HDL aus? Was macht ApoB? Gibt es weitere Risikofaktoren? Und ist beispielsweise die Schilddrüse in Ordnung?
Auch die Fettquellen können eine Rolle spielen. LCHF muss nicht bedeuten, dass jedes Essen in Butter, Sahne und Kokosfett schwimmt. Olivenöl, Oliven, Avocado, Nüsse und fetter Fisch passen genauso in eine LCHF-Ernährung. Wenn LDL oder ApoB bei dir unter einer sehr gesättigt-fettreichen Variante stark steigen, kann es deshalb sinnvoll sein, innerhalb von LCHF die Fettquellen zu verändern und anschließend erneut zu messen.
Das ist kein Verrat an LCHF. Es ist Hinschauen. Verstehen. Anpassen. Nachmessen. Was ich wichtig finde.
„Gesamtcholesterin erhöht“ sagt für sich genommen nicht besonders viel. Wenn man genauer hinschauen möchte, sind vor allem interessant:
Dazu gehört immer der Mensch hinter den Laborwerten: Blutdruck, Glukosestoffwechsel, Rauchen, Bewegung, Familiengeschichte und andere Risikofaktoren.
Ein einzelner Laborwert ist kein Mensch. Aber ein auffälliger Wert ist auch kein Grund, einfach wegzuschauen.
Ein besonders interessanter Blutwert ist Lipoprotein(a), kurz Lp(a). Lp(a) ist weitgehend genetisch bestimmt. Ein hoher Wert ist ein eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Deshalb wird heute empfohlen, Lp(a) bei Erwachsenen zumindest einmal bestimmen zu lassen.
Ich finde das durchaus bemerkenswert. Menschen diskutieren jahrelang darüber, ob sie Butter auf ihr Gemüse geben dürfen, und kennen möglicherweise einen wichtigen erblichen Risikofaktor überhaupt nicht. Da messe ich lieber einmal, statt hundertmal zu spekulieren.
Ja, denn Nahrungscholesterin und Cholesterin im Blut sind nicht dasselbe!
Der Körper reguliert Cholesterinproduktion, Aufnahme und Ausscheidung und stellt einen großen Teil des benötigten Cholesterins selbst her. Das Cholesterin aus deinem Frühstücksei landet deshalb nicht einfach eins zu eins in deinem Blut. Menschen reagieren außerdem unterschiedlich auf Nahrungscholesterin.
Meine Eier bleiben jedenfalls auf dem Teller.
Wir müssen uns nicht zwischen zwei Extremen entscheiden.
Wir müssen weder zurück zur alten Angst vor Fett, Butter und Eiern noch so tun, als wären LDL und ApoB bedeutungslos, nur weil wir uns kohlenhydratarm ernähren.
Cholesterin ist lebenswichtig. LDL erfüllt eine normale Aufgabe. Und ApoB-haltige Lipoproteine spielen trotzdem eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Atherosklerose. Gleichzeitig gehören Insulinresistenz, Diabetes, Blutdruck, Rauchen, Bewegung, Genetik und die gesamte Stoffwechselsituation mit ins Bild.
Ein erhöhter LDL-Wert ist nicht automatisch ein Zeichen für eine ungesunde Ernährung, denn das kann auch bei jeder gesunden Ernährung auftreten.
Für mich gilt: Wenn ein Wert deutlich auffällig ist, möchte ich wissen, warum. Nicht panisch. Nicht dogmatisch. Sondern informiert.
Ernährung kann unsere Gesundheit auf vielen Ebenen beeinflussen. Hier findest du Informationen zu gesundheitlichen Themen, bei denen LCHF und Keto eine Rolle spielen können – verständlich erklärt, praxisnah und ohne unnötiges Fachchinesisch.
Die Inhalte dienen der Information und ersetzen keine medizinische Beratung oder Behandlung.
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